„Wir müssen die Brücke bauen – von der Forschung bis in den Einsatz“
Hartmut Ziebs, Vorsitzender der SafeInno Stiftung, über Förderung jenseits enger Richtlinien, Innovation in der Einsatzorganisation und die Forschungsfragen, die die Gefahrenabwehr in den kommenden Jahren prägen werden
Die SafeInno Stiftung wurde von der vfdb gegründet, um innovative Ideen in der zivilen Sicherheit zu fördern. Sie unterstützt einzelne Vorhaben finanziell und verleiht den Excellence Award in drei Kategorien: besondere wissenschaftliche Leistung, Forschung und Entwicklung sowie besondere organisatorische Leistung. Im Interview mit Tim Spießberger erläutert Hartmut Ziebs, wo die Stiftung ansetzt, was sie von öffentlichen Förderprogrammen unterscheidet und wohin er sie in den nächsten zehn Jahren führen will.
Schneller, freier, flexibler
Tim Spießberger: Herr Ziebs, die vfdb versteht sich seit ihrer Gründung als Bindeglied zwischen Wissenschaft und Praxis der nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr. Welche Lücke schließt die SafeInno Stiftung, die weder die Referatsarbeit noch öffentliche Förderprogramme abdecken?
Hartmut Ziebs: Wir können wesentlich schneller reagieren als öffentliche Förderprogramme. Meist kommen die Menschen auf uns zu: Sie haben ein Thema und suchen Unterstützung. Darüber entscheiden wir unabhängig von Förderrichtlinien und vergleichsweise zügig. Und wenn uns ein Thema überzeugt, greifen wir zu. Manche Vorhaben entstehen auch direkt aus der Referatsarbeit der vfdb, etwa das Multifunktionswerkzeug für Feuerwehren oder die Überarbeitung des Leinenbeutels. Zur Wahrheit gehört aber auch: Nicht jede Anfrage passt zu uns. Hat ein Anliegen mit Forschung im eigentlichen Sinne wenig zu tun, sagen wir auch einmal ab.
TS: Die Sicherheitsforschung in Deutschland ist stark von Programmen mit festen Laufzeiten geprägt. Welche Rolle kann eine Stiftung spielen, wenn es um Kontinuität geht?
HZ: Wir sind weder an Förderrichtlinien noch an Projektlaufzeiten gebunden. Wir können also auch nach dem Ende eines Forschungsvorhabens sagen: Hier legen wir nach, hier schärfen wir noch einmal. Die Förderrichtlinien in der nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr sind teilweise sehr eng gesteckt. Wir sind deutlich freier und flexibler, und diesen Spielraum nutzen wir bewusst.
TS: Der Excellence Award zeichnet in drei Kategorien aus. Nach welchen Kriterien werden Arbeiten bewertet, die methodisch so verschieden sind?
HZ: Bei der wissenschaftlichen Leistung orientieren sich die Gutachter an der wissenschaftlichen Substanz. Häufig handelt es sich um Bachelor-, Master- oder Doktorarbeiten, es können aber auch Arbeiten außerhalb des Hochschulbetriebs sein. In der Kategorie Forschung und Entwicklung geht es darum, Neues auf den Weg zu bringen. Mein Lieblingsbeispiel: Wir löschen bis heute mit Wasser, obwohl ein Brand im Kern Energie freisetzt. Ich würde mir wünschen, dass sich jemand an den Gedanken wagt, dem Feuer die Energie zu entziehen, statt es mit Wasser zu bekämpfen. Das wäre echte Grundlagenforschung. Die meisten Einreichungen sind allerdings Weiterentwicklungen bestehender Ansätze. Die organisatorische Leistung schließlich ist ein sehr weites Feld: die Organisation einer Feuerwehr oder eines Einsatzes, Prozessentwicklung, Abläufe. Hier haben die Gutachter bewusst Spielraum.
TS: Welchen Reifegrad erwarten Sie bei Forschung und Entwicklung, vom frühen Prototyp bis zum marktreifen Produkt?
HZ: Da gibt es keine feste Erwartung. Es kann ein früher Prototyp sein oder ein Projekt, dem nur noch der letzte Schritt zur Marktreife fehlt. Was wir nicht leisten, ist die Finanzierung der Markteinführung. Wer ein fertiges Produkt hat und nur noch den finanziellen Anschub für die Produktion sucht, ist bei uns an der falschen Adresse. Das ist keine Forschung und Entwicklung mehr. Den Weg bis dorthin unterstützen wir, ganz gleich, in welcher Phase ein Vorhaben steht.
„Wir sind weder an Förderrichtlinien noch an Projektlaufzeiten gebunden. Diesen Spielraum nutzen wir bewusst.“
Innovation heißt auch: Abläufe verändern
TS: Eine eigene Kategorie für organisatorische Leistungen ist im Wissenschaftsumfeld eher ungewöhnlich. Welches Verständnis von Innovation steht dahinter?
HZ: Ich halte es für zentral, dass wir uns mit der Prozessentwicklung in der nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr befassen. Feuerwehr und Bevölkerungsschutz sind bei der Einführung neuer Verfahren oft zu Recht zurückhaltend. Wenn es um Menschenleben geht, gibt es meist nur eine Chance. Deshalb greift man auf Bewährtes zurück. Trotzdem müssen wir den Weg nach vorn gehen. In der technischen Hilfeleistung ging es vor 40 Jahren vor allem darum, Eingeklemmte schnell aus dem Fahrzeug zu holen. Heute retten wir patientenorientiert, also so, dass keine weiteren Verletzungen entstehen. Das erhöht die Überlebenschancen. Hier haben sich Prozesse grundlegend verändert, und es ist noch Luft nach oben.
Ein anderes Beispiel ist die Auswertung sozialer Medien, in der beispielsweise das THW heute schon sehr weit ist. Als es in Berlin vor einigen Jahren eine Autoexplosion gab, ging man zunächst von einem Anschlag aus. Weil Feuerwehr und Polizei schnell Informationen über die sozialen Netzwerke ausgewertet haben, war schnell klar, dass es kein terroristischer Hintergrund war. Solche Abläufe binden allerdings Personal, das an anderer Stelle fehlt. Und auch die Nachwuchsgewinnung ist eine Prozessfrage. Künftig kommen weniger junge Menschen in Haupt- und Ehrenamt. Wir konkurrieren mit Sportvereinen, Jugendverbänden und anderen Hilfsorganisationen um dieselben Menschen. Da müssen wir besser werden, denn wir brauchen sie, um Leben zu retten.
TS: Unter den bisherigen Preisträgern finden sich Arbeiten zu virtuellen Einsatzunterstützungsteams, Social-Media-Analytik im Katastrophenschutz, digitaler Einsatzplanung und Löschtechnik. Wo sehen Sie Lücken?
HZ: Bei der Künstlichen Intelligenz passiert bereits viel. Vor rund 20 Jahren haben wir an der Universität Saarbrücken diskutiert, ob eine Leitstelle den Notruf eines nicht deutschsprachigen Menschen live übersetzt bekommt und auf Deutsch antworten kann, während das Gegenüber die Antwort in seiner Muttersprache hört. Das können wir heute. Trotzdem wünsche ich mir in diesem Feld mehr. Bei Social Media müssen wir stärker auf Falschmeldungen achten, damit sie nicht zu falschen Informationen in der Einsatzleitung führen. Ein großes Feld sind außerdem Spontanhelfende. Hier ist viel geforscht und entwickelt worden, aber wir stehen noch am Anfang. Menschen werden sich auch künftig im Katastrophenfall einbringen wollen, und wir müssen sie besser führen als bisher.
Bei der Führung selbst sehe ich einen Lernprozess. Wir führen heute von vorn, ein bewährtes Verfahren. Man kann aber auch von hinten führen und einen Führungsstab virtuell zusammenschalten. Das funktioniert, wir machen es nur zu selten. Nach dem Tsunami in Südostasien haben wir erstmals offiziell einen Feuerwehrmann ins Ausland gebracht. Wir haben jeden Tag um 19 Uhr telefoniert: Er schilderte die Lage und sagte, was er braucht. Das war die einfachste Form virtueller Einsatzführung, und sie hat funktioniert. Neue Verfahren wie dieses stärker in die Umsetzung zu bringen, sehe ich als Aufgabe der Stiftung. Deshalb gibt es in der Stiftung die Überlegung, die vfdb-Akademie stärker zu fördern.
„Es gibt Dinge, die gut sind, aber noch nicht funktionieren, weil die Menschen sie noch nicht wollen. Genau da sehe ich Raum für die Stiftung.“
Dürre, Wasserstoff, Zivilschutz und KI
TS: Klimafolgen, kritische Infrastrukturen, neue Energieträger, KI-gestützte Lagebewertung: Welche Forschungsfragen werden die Gefahrenabwehr in den kommenden Jahren prägen?
HZ: Der Klimawandel führt schon jetzt dazu, dass großflächige Lagen durch Sturm und Wasser plötzlich und häufiger auftreten. Darauf müssen wir uns schon in der Einsatzvorbereitung anders einstellen. Wenn eine Sturmwarnung einen Tag vorher kommt, reicht es nicht zu sagen, die Kettensägen sind ja auf dem Fahrzeug. Mit Wasser und Sturm können wir inzwischen gut umgehen. Die größere Herausforderung wird die Dürre. Niemand hatte auf dem Schirm, dass Niedrigwasser im Rhein die Versorgung mit Kraftstoff oder das Kühlwasser für Kraftwerke knapp werden lässt.
Auch neue Energieträger werden uns beschäftigen. Dass Wasserstoff brennt, wissen wir. Aber was bedeutet es, ihn in großen Mengen über lange Strecken durch Leitungen zu transportieren? Ähnlich beim Strom: Ob Trassen ober- oder unterirdisch verlaufen, entscheidet über ihre Anfälligkeit für Klimafolgen, aber auch für terroristische Anschlagsszenarien oder kriegerische Handlungen. Die weltweite Sicherheitslage hat sich dramatisch verschlechtert. Vieles, was im Bevölkerungsschutz vor 30 Jahren richtig geplant war, haben wir nach dem Fall der Mauer über Bord geworfen. Wie wir die Bevölkerung bei militärischen Angriffen schützen, ist heute eine offene Frage, und hier wird sich viel bewegen.
Bei der KI-gestützten Lagebewertung bin ich hin- und hergerissen. KI kann uns enorm helfen. Sie darf aber keine Entscheidungen treffen, die falsch sein könnten oder die wir nicht mehr beeinflussen können. KI kann Entscheidungen vorbereiten, die Entscheidung trifft aber der Mensch. Wenn in der Katastrophe der Strom ausfällt, ist auch die KI nicht mehr da. Und der Mensch entscheidet auch mit Emotionen – und das ist gut so.
TS: Woran wird sich in zehn Jahren ablesen lassen, ob die Stiftung ihr Ziel erreicht hat?
HZ: Zunächst daran, dass es sie noch gibt. Wir sind keine Verbrauchsstiftung, sondern laut Stiftungsurkunde verpflichtet, das Kapital zu erhalten. Wir fördern also in dem Rahmen, den die Erträge zulassen. Ich möchte, dass die Stiftung deutlich bekannter wird und als Brückenbauerin zwischen Forschung und Lehre wahrgenommen wird. Wir fördern nicht nur Hochschulprojekte, sondern alle, die sich fundiert Gedanken machen. Was erfolgreich erforscht wurde, soll über die vfdb-Akademie in die Ausbildung einfließen. Damit wollen wir den Landesfeuerwehrschulen keine Konkurrenz machen, auch sie können von uns unterstützt werden. Am Ende muss das Wissen in der Praxis ankommen. Es gibt Dinge, die gut sind, aber noch nicht funktionieren, weil die Menschen sie noch nicht wollen. Genau da sehe ich Raum für die Stiftung, und da möchte ich hin.
TS: Herr Ziebs, vielen Dank für das Gespräch.
Info: SafeInno Excellence Award. Bewerbungen sind als Selbstbewerbung oder als Vorschlag durch Dritte möglich. Die Arbeit darf nicht länger als zwei Jahre zurückliegen; beizufügen sind Lebenslauf und Anschreiben.